WOLFSGEHEUL TEIL 1

Eine Badewanne voller Wein

Eine Flasche voll Rotwein. Eine Wanne voll heißem Wasser… Und der Dampf der nach und nach begann aufzusteigen solange die Wanne mit Wasser voll lief. Es war einer dieser Abende im Winter an denen man sich nur danach sehnte sich in seinen liebsten Pyjama und eine große Wolldecke einzukuscheln und Tee schlürfend bei einem guten Buch die Zeit vergehen zu lassen.

Es war so kalt wie schon lange nicht mehr, dachte sie als sie sich auf den Weg machte. Und nun begann es auch noch zu schneien. „Perfekt!“, murmelte sie in ihren Schal, in den sie ihr Gesicht bis hin zur Nase vergraben hatte, „das hatte gerade noch gefehlt.“. Schnellen Schrittes lief sie um die letzte Bahn zu bekommen. Mal wieder war sie zu spät dran. Wenn sie in diesem Augenblick genau darüber nachdachte, wäre es vermutlich gar nicht so tragisch wenn sie die Bahn verpasste und sich wieder auf den Rückweg nach Hause machen würde. Warum hatte sie sich denn überhaupt auf den Weg gemacht. Aufgrund des Wetters hatte die Bahn Verspätung. Hätte sie sich doch denken können. Nun stand sie dort, eingemummelt, und dennoch konnte sie kaum noch ihre Zehen spüren. Sie fühlten sich an wie Eiszapfen. Wie es sich wohl für die Bergsteiger anfühlen musste, wenn ihnen die Zehen, Finger oder sogar komplette Gliedmaßen abfroren, kam ihr plötzlich der Gedanke in den Sinn. Bevor sie weiter darüber sinnieren konnte, kam schon ihre Bahn. Obwohl die Verspätung nur minimal war, kam es ihr so vor als hätte sie eine halbe Ewigkeit dort am Steig gestanden. Sie war froh wenigstens ein paar Minuten im Warmen zu sein, auch wenn sie wusste, dass sobald sie ein paar Stationen später aussteigen musste, die klirrende Kälte sich nur noch eisiger anfühlte. Ihre braunen Augen, die die Farbe von nasser Erde und braungewordenem Laub hatten, begannen die Umgebung und die anderen Fahrgäste zu mustern. Sie fragte sich was die Anderen wohl zu dieser späten Stunde, bei solch einem Wetter noch vor die Tür gebracht hatte. Ein älterer Herr mit Gehstock. Gegenüber eine Dame mittleren Alters die in einer Zeitschrift blätterte. Ein paar Reihen weiter hinten zwei junge Turteltauben. Eine Station weiter stieg ein Kerl mit einer Sporttasche und in Turnschuhen ein. „Kommt wahrscheinlich gerade vom Sport“, dachte sie. Und gleich im Anschluss daran: „Wer geht denn abends um die Uhrzeit noch ins Training?“. Das war nichts für sie.

Gerne beobachtete sie die Menschen um sich herum. Es hatte irgendetwas meditatives, fand sie. Sie stellte sich hin und wieder vor wie jemand Anderes sie beobachtete während sie die anderen musterte. Die Vorstellung ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen und plötzlich fühlte sie sich unwohl. „Warum musste er auch so verdammt weit weg wohnen?“, dachte sie ärgerlich.

„Eine halbe Weltreise…wozu eigentlich?“, murmelte sie halb wütend, halb verwirrt über sich selbst.
Sie wusste sehr genau warum und wozu, wollte es sich aber nicht eingestehen. Denn würde sie das tun, würde ein Stück des Zaubers verloren gehen. Warum war sie nur so schwach? Und im nächsten Augenblick widersprach sie sich in Gedanken: „Nein! Du bist stark! Du weißt genau wie die Sache beim letzten Mal abgelaufen ist und dieses Mal hast du alles anders gemacht.“

Je weiter sie sich von der Stadt entfernte, desto weniger konnte sie sehen wenn sie aus dem Fenster blickte. Sie konnte außer einzelnen Lichtern in der Ferne nur Dunkelheit und die leichte Reflexion ihres Gesichtes in der dreckigen Fensterscheibe der Bahn sehen. Ungeduldig saß sie dort, starrte auf die Anzeige.

„Endlich!“, dachte sie. Auf der Anzeige konnte sie den Namen ihrer Station lesen. In dem Moment als sie ausgestiegen war, traf sie die eisige Kälte. Sie vergrub erneut ihr Gesicht tief in ihrem Schal, steckte die Hände tief in ihre Jackentaschen und lief so schnell sie konnte in Richtung seines Hauses.

Obwohl es von der Haltestelle gerade einmal ein Fußweg von fünf Minuten war, kam es ihr wie eine gefühlte Ewigkeit vor, die sie durch den Schnee stapfte. Und urplötzlich überkam sie so ein seltsames Gefühl. Sie wusste es nicht recht einzuordnen. Ein warmes Kribbeln. Da dachte sie an Tequila….und gleichzeitig überfiel sie eine Unruhe. „Bist du jetzt wirklich aufgeregt? Also komm’, das kann ja jetzt fast nicht sein. Es gibt doch nicht im Geringsten einen Grund in irgendeiner Weise aufgeregt zu sein.“

Ihre kribbelige Unruhe sagte jedoch etwas Anderes.

Als sie vor seiner Tür angekommen war, atmete sie einmal tief durch und klingelte. Und als er ihr die Tür öffnete, konnte sie nicht anders als bis über beide Ohren zu strahlen. Selten freute sie sich Menschen zu treffen oder zu sehen. Allgemein mochte sie Menschen eher weniger. Sie war gerne allein, hing ihren Gedanken nach und träumte vor sich hin. Er machte, dass sie für einige Stunden nicht Nachdenken musste. Normalerweise empfand sie die Gesellschaft anderer Menschen als anstrengend und kräftezehrend. Wenn sie aber bei ihm war, hatte sie das Gefühl danach energiegeladener denn je zu sein.

Sie umarmten sich zur Begrüßung. Nachdem sie sich ausgezogen und im Wohnzimmer vor dem Kamin aufgewärmt hatte, hatte er ihr eine Tasse Tee gebracht. Sie liebte Tee und es war mittlerweile eines ihrer gemeinsamen Rituale geworden gemeinsam eine Tasse Tee zu trinken.

Während sie dort saß und genüsslich ihren Tee schlürfte unterhielten sie sich, scherzten miteinander und Stunde um Stunde verging. Sie hatte fast schon vergessen warum sie eigentlich in erster Linie gekommen war.

Nun im selben Moment fragte er: „Möchtest du jetzt noch baden?“
„Natürlich, was denkst du denn? Du glaubst doch nicht, dass ich deinetwegen hergekommen bin. Ich bin gekommen um deiner Wanne einen Besuch abzustatten.“, stichelte sie lachend.
Er setzte wie gewohnt seinen gespielt bedrohlichen Blick auf und entgegnete nur: „Du bist schon wieder ganz schön frech.“
„Gewöhn’ dich besser langsam daran. Das wird sich nicht ändern.“, lachte sie nur und setzte im nächsten Atemzug noch einen drauf: „Also, was stehst du hier noch rum? Lass’ mir lieber mal ein Bad ein.“

Kurz sprachlos sah er sie grinsend an und verschwand dann im Badezimmer. Nachdem sie den letzten Schluck ihres Tees getrunken hatte, schnappte sie sich die Flasche Wein, die er zuvor geöffnet hatte und sein halb volles Weinglas und gesellte sich zu ihm ins Badezimmer.

Die Wanne war bereits fast voll. Er dimmte das Licht und drehte den Wasserhahn zu. Als sie sich beide ausgezogen hatten, setzten sie sich gegenüber voneinander in die Badewanne. Er goss etwas Wein in das Glas und reichte es ihr. Wer weiß wie lange die beiden so verbracht hatten. Sie redeten über alles Erdenkliche, während sie sich abwechselnd das Glas mit der purpurnen Flüssigkeit reichten.

Und so wie sie das warme Wasser ihren Körper umspielen fühlte, überfiel sie ein Schauer.
Je mehr sie sich vom warmen Wasser, dem Wein und seiner Nähe forttreiben ließ, desto weniger wollte sie weiterhin stark bleiben. „Tu’s nicht.“, hörte sie ihre innere Stimme warnend. Aber warum? Selten hatte sich etwas in ihrem Leben so gut, so richtig angefühlt. So unkompliziert, natürlich, als wäre da etwas, dass da schon immer war. Also ignorierte sie die Stimme in ihrem Inneren, hörte auf sich krampfhaft über Wasser zu halten, sondern tauchte hinab und ließ sich fallen.

Es war bereits tief in der Nacht als sie die Badewanne wieder verlassen hatten.

Sie hatten sich wieder vor das prasselnde Kaminfeuer begeben. Angeheitert von all’ dem Wein, den sie getrunken hatte, entspannt und ausgelassen durch das heiße Bad konnte sie nicht anders als ihn herauszufordern.
Natürlich war sie nicht nur wegen eines heißen Bads spät in der Nacht, bei eisiger Kälte zu ihm gefahren. Auch wenn sie immer alles zerdachte, sich das Hirn zermarterte und versuchte mit Verstand zu handeln, so wollte sie in diesem Moment einfach nicht länger vernünftig sein. Wozu auch? Brav und vernünftig war sie ihr ganzes bisheriges Leben gewesen. Und wo hatte sie das hingeführt?

Sie dachte nicht eine Sekunde länger nach, blickte ihm tief in die Augen und so hatte ein Kuss einen Funken entfacht und in den frühen Morgenstunden hatte ein eben solcher, das Feuer wieder langsam zum Erlöschen gebracht. Während sie immer noch vor Energie strotzte und sich weigerte zu schlafen, wurden seine Augen immer schwerer.
„Erzähl’ mir eine Geschichte!“, drängte sie ihn in der Hoffnung ihn wach zu halten. Sie wollte nicht dass die Nacht endete. Sie wollte jede Sekunde dieses kostbaren Moments auskosten, denn sie wusste, dass sie nie wieder die Gelegenheit bekommen sollte in einer Badewanne voller Rotwein zu baden.

Fortsetzung folgt…