Planlos sinn-suchend & verwirrt hoffnungsvoll TEIL 1

Das Leben verläuft so gut wie nie nach Plan. Zumindest nicht so wie man selbst alles geplant hatte. Während ein Großteil den eigenen Plänen hinterher jagt, schmieden das Leben und der Lauf der Dinge eifrig eigene Pläne für einen. Und in Situationen in denen wir glauben es gehe alles schief, in denen wir planlos sind oder Plan A gegen Plan B ersetzt und schließlich ganz verworfen wird, kommt alles genauso wie es kommen soll.

Meistens erkennen wir das jedoch erst hinterher. Wie oft hatte ich mich einfach nur gefragt „Warum?“.
„Papa, warum sind die Sterne am Himmel so klein?“
„Weil die Sterne, die du da oben siehst ganz, ganz weit weg sind.“

„Ja, aber warum ist das so?“
In der Tat: Warum sind Dinge so wie sie eben sind und nicht anders? Warum treten gewisse Ereignisse in unserem Leben ein? Warum sollen manche Dinge einfach nicht so sein, wie wir uns diese gewünscht hätten?
Mein Vater hätte mir die ganze Welt haarklein erklären können und dennoch hätte es dort etwas gegeben, das ich nicht verstanden hätte, weil ich einfach nicht wusste warum etwas so ist wie es ist.
Bis heute verfolgt mich diese Frage, dieses „Warum?“. Finde ich keine Erklärung für etwas, ergibt alles plötzlich keinen Sinn und ich finde mich in einer dieser typischen Situationen wieder, in der ich die Welt einfach nicht verstehe.
Sinnhaftigkeit ist etwas Notwendiges. Nicht umsonst sprechen wir auch vom Sinn des Lebens und versuchen insgeheim alle hinter dessen Geheimnis zu kommen.

Je mehr ich mir den Kopf über Gott und die Welt zerbrach, desto weniger schlau wurde ich aus allem. Man könnte sagen, ich bin noch nicht hinter den Sinn des Lebens oder besser gesagt, meines Lebens gestiegen. Denn leider war die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht 42, wie Douglas Adams einem fälschlicherweise weiszumachen versuchte.

Mein Leben und alles was darin passierte blieb für mich also ein Buch mit sieben Siegeln und die Rätsel, die es mir aufgab, waren für mich genauso wenig zu lösen wie das Kreuzworträtsel der New York Times. Oder um Forrest Gump an dieser Stelle zu zitieren: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie was man bekommt.“

Und so war das in irgendeiner Weise tatsächlich. Wo bliebe denn sonst die ganze Spannung, die zahlreichen Fettnäpfchen und bösen Überraschungen. Wüsste man was das Leben für einen bereit hielte, dann wäre das ja ungefähr so wie die letzte Seite eines Buches bzw. den Schluss einer Geschichte zu lesen und dann mit diesem Wissen erst von vorne zu beginnen. Natürlich wüsste man so nach welchen Hinweisen man Ausschau halten musste oder gar wie man sich in manchen Situationen entscheiden sollte.

Das wäre manchmal durchaus praktisch, denn wer lernt schon gerne aus Fehlern und ist erst im Nachhinein schlauer? Ich zumindest eher weniger. Oftmals hätte ich gerne nicht aus meinen Fehlern lernen müssen und deswegen schlauer war ich auch nicht unbedingt. Meist nur noch verwirrter als gewöhnlich.

Verwirrung und Verwirrtheit gehörten zu meinem ganz normalen Alltag dazu. Ich stand immer etwas neben mir. Oder um den Zustand meiner Abwesenheit bildlich zu beschreiben: Ich stand meist auf der gegenüberliegenden Straßenseite, sodass ich mir selbst zuwinken konnte. Es heißt ja immer, die Dinge mit etwas Abstand zu betrachten oder von etwas Abstand zu gewinnen sei etwas Gesundes, doch das traf in dieser Hinsicht wahrscheinlich weniger gut zu.

Selbstgespräche zu führen galt auch nur als gesellschaftlich anerkannt wenn man dies im Verborgenen tat, wo es niemand mitbekam, andernfalls konnte es schnell mal passieren, dass einen die Leute für schizophren hielten.
Traf man mich also an manchen Tagen an, dann hätte man meinen können ich sei eine junge Frau, die soeben einer psychiatrischen Anstalt entflohen sei.

Mal ganz von meiner chronischen Verwirrung und dem Hang zu Selbstgesprächen abgesehen, stellten meine Mitbewohnerin und ich neulich bei einem unserer Gespräche auf dem Küchenfußboden fest, dass ich eine Bindungsstörung besaß. Wahrscheinlich schon seit meiner frühesten Kindheit, was mir nun mein Leben nicht unbedingt vereinfachte oder weniger kompliziert machte.

„Weißt du was mir gestern so ganz plötzlich bewusst wurde?“, fragte ich meine Mitbewohnerin, „Ich glaube ich hab nicht Bindungsangst wie viele, sondern irgendwie das Umgekehrte.“ Tamara schaute mich leicht verwundert an und begann vor sich hinzu kichern.
„Wie kommst du denn da drauf?“

„Gestern als ich so unter der Dusche stand und über das „Debakel“ mit Ben nachgedacht habe, da habe ich mich gefragt warum mich solche Beziehungskisten immer so mitnehmen und es mir damit oftmals einfach komisch und mies geht. Und dann, wie als hätte es Klick in meinem Kopf gemacht wusste ich warum. Weil ich nicht loslassen kann!“

Alles begann auf dem Spielplatz. Ich mag wohl drei oder vier Jahre alt gewesen sein. Während andere Kinder ihren Spaß hatten und umher tollten bis sie total erschöpft waren, entwickelte ich eine Hassliebe mit dem Rutschen.
Wer sich jetzt an dieser Stelle fragt, was „Nicht-loslassen-können“ mit Rutschen zu tun hat, der wird sehen auf was ich mit dieser Geschichte hinaus will.

„Du lässt aber nicht los!“, höre ich mich in meiner Erinnerung zu meiner Mutter sagen. „Nein, ich lass nicht los.“
Und wieder von Neuem: „Mama, du darfst aber wirklich nicht loslassen!“
„Tu ich nicht. Ich halte die ganze Zeit deine Hand bis du unten angekommen bist.“ „Okay, aber nicht loslassen!“, wiederholte ich. (Meine Mutter musste wohl sehr geduldig sein..)

Ich rutschte tatsächlich erst die Rutsche hinab, nachdem ich mich bestimmt an die hundert Mal versichert hatte, dass sie auch wirklich nicht losließ…

Manchmal ist es aber wichtig einfach loszulassen. Gedanken beiseite zu schieben, von Menschen oder Dingen die uns nicht gut tun oder sogar in irgendeiner Weise schaden den nötigen Abstand zu gewinnen oder aber auch Menschen, die wir lieben loszulassen. Einfach ist das nie. Doch es gibt Personen, denen fällt das leichter als anderen. Ich gehöre nur leider eben zu Letzteren, denjenigen, die sich damit ziemlich schwer tun.

Sollte ich meine Persönlichkeit in wenigen Worten beschreiben, dann würde ich wohl Worte wie naiv, gutmütig, hoffnungsvoll, loyal,… und noch ein paar weitere verwenden. Und die beiden Worte hoffnungsvoll und naiv brachten es tatsächlich ganz gut auf den Punkt! Naiv war ich nicht unbedingt was das Leben anbelangte, was jedoch die Menschen in meinem Leben betraf und vor allem meine Wenigkeit…

Fortsetzung folgt…