WOLFSGEHEUL TEIL 3

Ein Tag im September

Sie wusste nicht, was sie ihm sagen sollte. Wenn sie ehrlich mit sich selbst war, dann wusste sie, dass sie genau wusste, was sie ihm sagen wollte. Was sie ihm sagen musste. 

Obwohl unausgesprochen, so wussten beide, dass genau das passierte, wovor sie sich gefürchtet hatten.

Wie sollte es weitergehen? Konnte es überhaupt jemals in irgendeiner Weise weitergehen? Natürlich konnte es das. 

Noch nie in ihrem Leben hatte sie solch einen Kloß im Hals gehabt.

„Wie beim Pflasterabziehen.“, dachte sie, „Mach’ es einfach schnell und schmerzlos.“

Immer wenn sie zusammen gewesen waren vergingen Stunden, die sich jedoch wie Sekunden anfühlten. Nun war es genau umgekehrt. Jede Minute zog sich in die Länge, jede Pause. Jedes betretende Schweigen fühlte sich an als hätte jemand die Zeit angehalten um jeden Moment nur noch qualvoller zu machen.

Wieder hatten sie stundenlang dagesessen. Beide Angst vor dem Abschied, denn sie wussten nicht, ob es ein Lebewohl oder Auf wiedersehen sein sollte.

„Am besten wäre es wenn wir fürs Erste keinen Kontakt haben.“, begann sie, nachdem sie sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt un die Nase geputzt hatte. „Und dann wer weiß, vielleicht in ein paar Wochen oder Monaten oder…ja…“. Sie brauchte einen Augenblick um sich zu sammeln.

„Ich will dass das funktioniert. Du bist mir wichtig und ich will eigentlich nicht, dass du so schwuppdiwupp wieder aus meinem Leben verschwindest.“

Er blickte sie mit seinem durchdringenden Blick an, sodass sie wegsehen musste. Nach einer längeren Pause sagte er schließlich etwas.

„Ich würde mir auch wünschen, dass wir Freunde sein können. Du bist mir auch wichtig.“

Sie wollte ihn ansehen oder etwas erwidern, konnte aber nicht. Eigentlich war auch alles gesagt. Obwohl ihr übel war, ihre Augen von der vielen Weinerei verquollen und sie plötzlich so erschöpft war, dass sie am liebsten die nächsten paar Tage nur geschlafen hätte, wollte sie nicht das er geht. Sobald er aus der Tür bei ihr spazierte, würde sie ihn wer weiß wie lange nicht mehr sehen, nichts von ihm hören. Auch wenn es besser so war, schmerzte die Vorstellung, denn der Fall, dass ein für sie so wichtiger Mensch von einem auf den anderen Tag plötzlich nicht mehr da war, war fürs Erste doch eingetreten. Und so wollte sie trotzdem jede einzelne Sekunde dieses Moments  auskosten.

Nachdem sie noch eine Weile schweigend nebeneinander gesessen hatten, war es Zeit zu gehen und loszulassen….